Vom Bankkonto zur Blockchain

Wie 9/11 die Jagd nach Terrorgeldern verändert hat

 

Die Anschläge vom 11. September 2001 veränderten nicht nur die Terrorismusbekämpfung. Sie veränderten auch die Frage, welche Informationen sich aus Geldbewegungen gewinnen lassen – und machten Finanzdaten zu einem zentralen Bestandteil moderner Intelligence.

Am 11. September 2001 veränderte sich nicht nur die Weltpolitik. Auch der Blick auf Geld änderte sich. Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon waren das Ergebnis jahrelanger Planung. Finanziell war die Operation jedoch vergleichsweise überschaubar. Die 9/11 Commission schätzte die Kosten auf rund 400.000 bis 500.000 US-Dollar. Etwa 300.000 Dollar liefen über Bankkonten der späteren Attentäter in den USA, rund 130.000 Dollar kamen über internationale Überweisungen. Bemerkenswert ist dabei weniger die Höhe der Summe als die Art, wie sie bewegt wurde. Die Beteiligten nutzten Bankkonten, internationale Überweisungen, Bargeld, Reiseschecks, Bankomatkarten und Kreditkarten. Sie waren nach Einschätzung der 9/11 Commission keine Experten darin, ihre finanziellen Spuren zu verschleiern. Im Gegenteil: Sie hinterließen Verbindungen untereinander und zu ihren Unterstützern. Trotzdem fielen die Transaktionen vor den Anschlägen nicht entscheidend auf.

Der blinde Fleck im Finanzsystem

Die Geldwäschekontrollen vor 9/11 waren vor allem auf andere Bedrohungen ausgerichtet. Im Mittelpunkt standen große Geldwäscheoperationen, Drogengelder oder umfangreiche Finanzkriminalität. Die späteren Attentäter bewegten dagegen vergleichsweise geringe Beträge über weitgehend gewöhnliche Kanäle. Die bestehenden Systeme waren noch nicht dafür konzipiert, genau solche alltäglichen Transaktionen als Vorbereitung eines Terroranschlags zu erkennen. Die Finanzbewegungen waren nicht unsichtbar. Ihre Bedeutung war es. Genau darin lag eine der wichtigsten Lehren aus den Anschlägen. Eine einzelne Überweisung kann vollkommen unauffällig sein. Dasselbe gilt für ein Bankkonto oder eine Bargeldeinzahlung. Werden diese Informationen jedoch mit Personen, Kontakten, Reisen, Unternehmen und weiteren Transaktionen verbunden, kann daraus ein Netzwerk entstehen. Nach 9/11 rückte deshalb zunehmend nicht nur die Frage in den Mittelpunkt, wo sich Terroristen befinden, sondern auch, wie Geld zu ihnen gelangt und welche Strukturen dadurch sichtbar werden.

Nach 9/11 wurde „Follow the Money“ international

Die Reaktion erfolgte innerhalb weniger Wochen. Am 29. und 30. Oktober 2001 trat die Financial Action Task Force, kurz FATF, zu einer außerordentlichen Sitzung in Washington zusammen. Die Organisation, die zuvor vor allem internationale Standards gegen Geldwäsche entwickelt hatte, weitete ihr Mandat ausdrücklich auf Terrorismusfinanzierung aus. Die damals verabschiedeten Sonderempfehlungen betrafen unter anderem die Kriminalisierung von Terrorismusfinanzierung, das Einfrieren terroristischer Vermögenswerte, die Meldung verdächtiger Transaktionen, internationale Zusammenarbeit und stärkere Kontrollen bei Überweisungen und alternativen Geldtransfers. Später kamen unter anderem Maßnahmen gegen grenzüberschreitende Bargeldtransporte hinzu. Damit veränderte sich die Rolle des Finanzsystems. Banken und Zahlungsdienstleister waren nicht mehr nur Orte, über die Geld bewegt wurde. Die dort entstehenden Daten konnten zunehmend auch Hinweise darauf liefern, wie Personen und Organisationen miteinander verbunden waren.

Als Finanzdaten zu Intelligence wurden

Besonders deutlich wird dieser Wandel am Terrorist Finance Tracking Program der USA. Nach den Anschlägen begann das US-Finanzministerium, im Rahmen konkreter Terrorismusermittlungen Daten des internationalen Finanznachrichtendienstes SWIFT auszuwerten. Dabei geht es nach Angaben des Treasury um gezielte Abfragen auf Grundlage bereits vorhandener Hinweise zu Personen oder Organisationen – nicht um ein beliebiges Durchsuchen sämtlicher Transaktionen. Der entscheidende Wert solcher Daten liegt nicht allein darin, eine Zahlung von A nach B nachzuvollziehen. Finanzinformationen können fehlende Verbindungen innerhalb einer Ermittlung sichtbar machen. Wer überweist wem Geld? Welche Personen tauchen wiederholt in denselben Strukturen auf? Welche Unternehmen oder Vermittler liegen zwischen Sender und Empfänger? Und welche zunächst voneinander unabhängigen Hinweise treffen an einem gemeinsamen Punkt zusammen? Aus „Follow the Money“ wurde damit zunehmend eine Form von Netzwerkanalyse. Die Transaktion ist nicht immer das Ziel der Untersuchung. Sie kann der Ausgangspunkt sein.

Heute existieren deutlich mehr Wege, Geld zu bewegen

25 Jahre später ist diese Analyse komplexer geworden. Bankkonten und klassische internationale Überweisungen sind keineswegs verschwunden. Die FATF weist auch heute darauf hin, dass terroristische Akteure weiterhin reguläre Finanzsysteme nutzen – darunter Bankkonten, Überweisungen und Prepaid-Karten. Gleichzeitig haben digitale Plattformen neue Möglichkeiten geschaffen. Social Media, Messenger, Crowdfunding, digitale Zahlungsdienste und Virtual Assets können miteinander kombiniert werden, um Gelder einzusammeln oder weiterzuleiten. Gerade darin liegt eine wesentliche Veränderung gegenüber 2001. Eine Spendensammlung kann heute über einen Social-Media-Post beginnen, auf eine Crowdfunding-Seite führen, anschließend über einen Zahlungsdienst abgewickelt und schließlich in virtuelle Vermögenswerte umgewandelt werden. Die FATF beschreibt auch Fälle, in denen Kryptowährungen mit Anonymisierungsdiensten wie Mixern kombiniert werden. Diese brechen die Rückverfolgbarkeit in der Blockchain auf, indem sie die digitalen Vermögenswerte vieler verschiedener Nutzer miteinander vermischen. Der Einsatz digitaler Assets ist dabei kein theoretisches Szenario mehr. Die FATF berichtete 2025 beispielsweise, dass ISIL-K, der afghanisch-pakistanische Ableger des sogenannten Islamischen Staates, im Jahr 2024 verstärkt Virtual Assets sowohl für interne Transfers als auch zur internationalen Sammlung von Spenden genutzt habe. Gleichzeitig betont die Organisation, dass terroristische Finanzierungsmodelle weiterhin sehr unterschiedlich sind und traditionelle Finanzkanäle eine wichtige Rolle spielen. Kryptowährungen haben die klassische Terrorismusfinanzierung deshalb nicht einfach ersetzt. Sie haben das Spektrum möglicher Finanzierungswege erweitert.

Die Blockchain schafft neue Möglichkeiten – aber auch neue Spuren

Auf den ersten Blick erscheint eine Kryptowährung dabei als ideales Instrument, um Geld außerhalb klassischer Banken zu bewegen. Diese Vorstellung greift jedoch zu kurz. Viele Kryptowährungen basieren auf öffentlichen Blockchains. Transaktionen werden dort dauerhaft gespeichert und können grundsätzlich von jedem eingesehen werden. Die sichtbaren Wallet-Adressen tragen zwar zunächst keinen Namen und sind damit pseudonym. Werden sie jedoch mit anderen Informationen verbunden, können sich daraus neue Ermittlungsansätze ergeben. Das US-Finanzministerium verweist ausdrücklich darauf, dass öffentliche Blockchain-Daten das Nachverfolgen illegaler Geldbewegungen unterstützen können. Genau deshalb versuchen illegale Akteure, diese Transparenz zu erschweren. Dazu gehören beispielsweise Mixer, Chain-Hopping zwischen verschiedenen Blockchains, Cross-Chain-Bridges oder der häufige Wechsel von Wallet-Adressen. Solche Techniken können eine Analyse deutlich komplexer machen. Sie beseitigen die zugrunde liegende Datenspur jedoch nicht automatisch. Moderne Blockchain Intelligence versucht deshalb nicht nur, einzelne Wallets zu betrachten. Transaktionsgraphen können zeigen, wie Vermögenswerte über verschiedene Adressen, Dienste und Blockchains hinweg bewegt werden. Werden diese Informationen wiederum mit Unternehmensdaten, öffentlich zugänglichen Informationen, Sanktionslisten oder Erkenntnissen zu beteiligten Personen kombiniert, können aus pseudonymen Transaktionen reale Zusammenhänge entstehen. Damit wiederholt sich auf technologisch völlig anderer Ebene eine der zentralen Lehren aus 9/11. Informationen können vorhanden sein, ohne dass ihre Bedeutung sofort erkennbar ist.

Was dies für Intelligence bedeutet

Terrorismusfinanzierung zeigt besonders deutlich, warum einzelne Datenpunkte selten ausreichen. Eine Zahlung muss für sich genommen nicht verdächtig sein. Eine Wallet-Adresse kann zunächst keinen bekannten Besitzer haben. Ein Unternehmen kann formal unauffällig erscheinen. Auch eine Spendenkampagne oder ein internationaler Geldtransfer kann vollkommen legitim sein. Entscheidend wird der Kontext. Für Intelligence-Analysen bedeutet das, Informationen aus unterschiedlichen Ebenen zusammenzuführen: finanzielle Transaktionen, Blockchain-Daten, Unternehmensstrukturen, wirtschaftliche Eigentümer, Sanktionsinformationen, digitale Aktivitäten, öffentlich zugängliche Quellen und Verbindungen zwischen beteiligten Personen. Erst dadurch kann aus einer Geldbewegung eine Struktur werden. Die Entwicklung seit 2001 zeigt deshalb auch einen grundlegenden Wandel in der Ermittlungsarbeit. Damals hinterließen die Attentäter zahlreiche finanzielle Spuren im regulären Finanzsystem. Die entscheidenden Zusammenhänge wurden jedoch erst nach den Anschlägen rekonstruiert. Heute stehen wesentlich mehr Daten und Analyseinstrumente zur Verfügung. Gleichzeitig sind die Finanzierungswege vielfältiger, schneller und internationaler geworden. Die zentrale Frage hat sich dabei kaum verändert. Es geht nicht nur darum, woher Geld kommt oder wohin es fließt. Entscheidend ist, welche Personen, Unternehmen, Wallets und Netzwerke sichtbar werden, wenn man seiner Spur folgt.