„Eine Kurtisane, das gebe ich zu. Eine Spionin, niemals!“

Der Fall Mata Hari und die andere Seite der Spionage

 

Mata Hari ist vermutlich eine der bekanntesten Frauen, die mit Spionage in Verbindung gebracht werden. Ihr Name steht bis heute fast automatisch für Geheimdienste, Verführung und Doppelspiele. Betrachtet man ihren Fall jedoch anhand der historischen Fakten, zeigt sich ein deutlich komplexeres Bild als jenes, das sich rund um ihre Legende entwickelt hat.

Geboren wurde sie 1876 in den Niederlanden als Margaretha Geertruida Zelle. In Paris erfand sie sich praktisch neu. Sie wurde zu Mata Hari, einer exotischen Tänzerin, die ihre Herkunft mit Java verband und mit ihren Auftritten das europäische Publikum faszinierte. Schon bald war sie in ganz Europa bekannt und bewegte sich in den Kreisen der gehobenen Gesellschaft. Mata Hari wurde zu einer Kurtisane der High Society und verkehrte mit wohlhabenden und einflussreichen Männern. Zu ihren Bekanntschaften und Liebhabern zählten Offiziere, Diplomaten, Politiker, Aristokraten und Geschäftsleute. Was zunächst Teil ihres gesellschaftlichen Lebens war, sollte wenige Jahre später aus einem ganz anderen Grund von Bedeutung werden.

Als der Krieg begann

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs veränderte sich die Bedeutung ihrer Reisen und Kontakte. Europa war zwischen den Großmächten geteilt, und Menschen, die sich zwischen verschiedenen Ländern bewegten und Kontakte zu Personen auf unterschiedlichen Seiten des Konflikts unterhielten, gerieten zunehmend in den Fokus der Nachrichtendienste. Mata Hari war Niederländerin, und die Niederlande blieben während des Krieges neutral. Dadurch konnte sie sich vergleichsweise leichter zwischen verschiedenen europäischen Ländern bewegen als Bürgerinnen und Bürger der kriegführenden Staaten. Gleichzeitig verliehen ihre Kontakte zu Personen aus militärischen und politischen Kreisen ihrem gesellschaftlichen Leben eine neue Bedeutung. Auch der britische Nachrichtendienst begann, sie zu beobachten. Als sie durch England reiste, wurde sie befragt und durchsucht. Konkrete Beweise dafür, dass sie Spionage betrieb, konnten damals jedoch nicht gefunden werden. 1916 wurde Mata Hari schließlich vom deutschen Nachrichtendienst angeworben und erhielt den Decknamen H-21. Sie erhielt Geld und sollte Informationen beschaffen.

Auf den ersten Blick verfügte sie über Eigenschaften, die auch heute für Human Intelligence – HUMINT – relevant sind: internationale Mobilität, ein weitreichendes Netzwerk und Zugang zu Personen aus militärischen und politischen Kreisen. Ihre tatsächliche nachrichtendienstliche Bedeutung war jedoch vermutlich weitaus geringer als ihr späterer Ruf. Französischen historischen Quellen zufolge hatten die Informationen, die sie an die deutsche Seite weitergab, keine wesentliche strategische Bedeutung. Mit anderen Worten: Mata Hari war möglicherweise weitaus besser darin, Zugang zu schaffen, als tatsächlich wertvolle Informationen zu beschaffen.

Auch Frankreich wollte sie für sich gewinnen

Zur gleichen Zeit interessierte sich auch die französische Spionageabwehr für Mata Hari. Georges Ladoux, ein französischer Nachrichtendienstoffizier, sah in ihren Kontakten zu deutschen Offizieren eine mögliche Quelle für Informationen. Mata Hari erklärte sich zur Zusammenarbeit mit den Franzosen bereit. Damit befand sie sich in einer für Nachrichtendienste besonders heiklen Situation: Sie unterhielt Kontakte zur deutschen Seite und stand gleichzeitig mit dem französischen Nachrichtendienst in Verbindung. Unter solchen Umständen können die Grenzen zwischen Quelle, Agentin und Doppelagentin schnell verschwimmen. Genau das sollte in ihrem Fall zum Problem werden.

Die Nachricht, die ihren Fall veränderte

Ende 1916 hielt sich Mata Hari in Madrid auf, wo sie Kontakt zu Arnold Kalle, dem deutschen Militärattaché, aufnahm. Kurz darauf wurden von deutscher Seite Nachrichten übermittelt, in denen ein Agent mit dem Decknamen H-21 erwähnt wurde. Die Franzosen fingen diese Kommunikation ab und identifizierten H-21 als Mata Hari. Zusammen mit Informationen über ihre Kontakte und die Zahlungen, die sie von deutscher Seite erhalten hatte, sahen die französischen Behörden darin ausreichende Beweise gegen sie.

Dieser Teil des Falls wirft allerdings bis heute Fragen auf. Eine der Theorien lautet, dass die deutsche Seite wusste, dass die Kommunikation abgefangen werden könnte, und Mata Hari auf diese Weise bewusst enttarnte. Eine andere Möglichkeit ist, dass es sich schlicht um einen Fehler in der Kommunikation handelte. Sollte die erste Theorie zutreffen, wäre Mata Hari nicht einfach enttarnt worden – sie wäre möglicherweise gezielt kompromittiert worden. Für die Spionageabwehr ist dieser Unterschied entscheidend. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob eine Information eigenständig aufgedeckt wird oder ob jemand bewusst dafür sorgt, dass sie entdeckt wird.

 
Was lässt sich tatsächlich belegen?

Mata Hari wurde am 13. Februar 1917 in Paris verhaftet. Während der Ermittlungen räumte sie ein, Geld von deutscher Seite erhalten zu haben, bestritt jedoch, den Deutschen wichtige Informationen geliefert zu haben. Gleichzeitig erklärte sie, auch mit der französischen Seite zusammengearbeitet zu haben. Der Prozess war kurz. Mata Hari wurde wegen Spionage zum Tode verurteilt und am 15. Oktober 1917 erschossen.

Interessant ist jedoch, dass die vorhandenen Beweise das Bild einer besonders erfolgreichen oder gefährlichen Spionin nicht vollständig stützen. Es gibt keine eindeutigen Belege dafür, dass sie bedeutende militärische Geheimnisse weitergab oder – wie später häufig behauptet wurde – für den Tod Tausender alliierter Soldaten verantwortlich war. Belegt sind ihre Kontakte zum deutschen Nachrichtendienst und die Zahlungen, die sie erhielt. Weitaus weniger eindeutig ist hingegen, welchen tatsächlichen nachrichtendienstlichen Nutzen ihre Tätigkeit hatte. Genau das macht ihren Fall bis heute interessant. Er zeigt, wie stark Reputation, Annahmen und bereits bekannte Informationen beeinflussen können, wie neue Erkenntnisse interpretiert werden.

Mata Hari

 

Was von Mata Hari bleibt

Mehr als hundert Jahre später hat sich die Technologie verändert, die grundlegenden Fragen der Intelligence-Arbeit sind jedoch erstaunlich ähnlich geblieben. Heute untersuchen Analysten nicht nur persönliche Kontakte und Reisen. Sie analysieren Unternehmens- und Eigentümerstrukturen, Finanzströme, digitale Identitäten, soziale Netzwerke, Sanktionsrisiken, Geschäftsbeziehungen und zahlreiche weitere Datenpunkte, die für sich genommen unauffällig erscheinen können, gemeinsam jedoch ein wesentlich umfassenderes Bild ergeben.

Eine einzelne Transaktion ist noch kein Beweis. Ein einzelner Kontakt muss nichts bedeuten. Auch ein Unternehmen kann auf den ersten Blick vollkommen unauffällig erscheinen, bis seine Verbindung zu anderen Personen oder Gesellschaften sichtbar wird. Intelligence bedeutet daher nicht nur zu fragen, was wir gefunden haben, sondern auch, was diese Information tatsächlich bedeutet. Wer ist die Quelle? Lässt sich die Information unabhängig verifizieren? Mit wem ist die Person oder das Unternehmen verbunden? Wer könnte ein Interesse daran haben, dass eine bestimmte Information bekannt wird? Und könnte die Information selbst Teil einer größeren Täuschung sein?

Genau hier setzt auch der Intelligence-Ansatz von FOREUS an. Mit OSINT, Corporate Intelligence, Financial Crime Investigations, Asset Tracing und weiteren Intelligence-Methoden geht es nicht darum, möglichst viele Daten zu sammeln. Entscheidend ist, Informationen aus unterschiedlichen Quellen miteinander zu verbinden, zu überprüfen und in den richtigen Kontext zu setzen.

Mata Hari war möglicherweise eine deutsche Agentin. Vielleicht versuchte sie gleichzeitig, für Frankreich zu arbeiten. Vielleicht war sie eine Opportunistin, die glaubte, zwischen beiden Seiten agieren zu können. Ebenso möglich ist, dass sie irgendwann selbst Teil eines nachrichtendienstlichen Spiels wurde, das sie nicht mehr kontrollieren konnte. Die Geschichte wird uns darauf wahrscheinlich keine eindeutige Antwort mehr geben. Ihr Fall hinterlässt jedoch eine Frage, die auch heute noch relevant ist:

Haben wir die Wahrheit gefunden – oder nur die Geschichte, die jemand anderes für uns konstruiert hat?